Stellt euch diese drei Fragen zu eurem Produkt!

Stellt euch diese drei Fragen zu eurem Produkt!

Kein Vortrag darüber, dass Produkte Babys sind oder eine Seele haben. Keine Ansprache über Emotionen oder sonst was. Hier geht es viel mehr um den materiellen Charakter von Produkten und der ist absolut entscheidend. Wenn ihr eine Idee habt oder bei einer Idee Feuer und Flamme seid, dann stellt euch immer drei absolut entscheidende Fragen, die zuerst logisch und primitiv erscheinen.

Wie ist der Charakter meines Zielpublikums?

Eines der absolut unterschätzten Punkte in der heutigen Zeit. Es scheint so als könne jeder absolut präzise sagen WER denn das Zielpublikum sei und man bildet sich ein, dass allein Big Data dazu führen wird den anvisierten Kunden noch präziser auszusuchen. Die Wichtigkeit dessen möchte ich nicht abstreiten und schon gar nicht als eigentlicher Fan von Big Data. Doch eines wird dabei komplett außer Acht gelassen, weil es eben nicht durch Technologie lösbar ist und das ist der psychologische Aspekt.

Ich rede vom psychologischen Aspekt der Zielgruppe, die zum Target auserkoren wird. Die Mentalität und den Charakter der eigenen Zielgruppe zu verstehen ist essenziell und entscheiden oftmals darüber ob ein Projekt ernsthaften Erfolg wird vorweisen können. WICHTIG: ich rede hierbei von einem langfristigen Dasein auf der Wirtschaftsbühne, NICHT von Finanzierungsrunden, die man vorweisen kann. Diese bedeuten für mich noch nichts, so lange kein Masterplan sichtbar ist, mit dem man Geld verdienen soll oder der eine so große Dominanz erreichen könnte, dass man zur Plattform wird.

Um noch einmal ins Detail zu gehen warum der psychologische Aspekt so wichtig ist. Um mit einem Kunden Geld zu verdienen gibt es erst einmal zwei Hauptwege im Bereich von Apps und Webseiten (lasst uns vorerst bei diesen Themen bleiben). Da wäre einmal das Bezahlmodell in allen Variationen wie Abos, Einmalzahlungen oder ähnliches. Und dann wäre da natürlich Werbung.

Doch was macht man wenn man ein sehr beliebtes Produkt auf dem Markt hat, das den klassischen Kunden anvisiert, der gerne das „kostenlos-Internet“ hat und Werbung ebenfalls nicht leiden kann? Kriegt man es hin nicht von Adblockern zerlegt zu werden, kann sich der Kunde also schnell belästigt fühlen und die Nutzung einer App einstellen. Gehört er dabei gleichzeitig zu der „alles muss umsonst sein“ Gruppe….dann ist die gesamte Idee dem Untergang geweiht. Dann wird keine Masse helfen und kein Hype, der vorhanden ist…diese Dinge werden euch höchstens noch eine Finanzierungsrunde verschaffen oder in diesem Fall „lebensverlängernde Maßnahme“.

Also: Versucht euer Produkt an eine Gruppe auszurichten, die entweder ok ist mit Werbung oder die bereit ist für Problemlösungen auch Geld zu bezahlen. Letzteres ist natürlich ein Segen, doch dies ist eine kleine Gruppe. Es ist kein Zufall, dass viele Erfolgreiche Startup Unternehmen im B2B Bereich zu finden sind.

Das Beispiel der Reader

Bevor wir zur zweiten Frage kommen, möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten was mich zu diesem Artikel bewogen hat. Es war ein Artikel zum Thema „Aufstieg und Fall der News-Reader“. Dabei geht es um Apps, die fast jeder von uns auf dem Smartphone hat/hatte. Der Hype der News Reader Apps begann 2010 und hielt bis ca. 2013 an. Danach haben wir einige Aufkäufe gesehen (keine großen Exits!) und vor allem auch einige Schließungen. Schauen wir uns ein paar Beispiele an, ich halte mich auch an die eher bei uns bekannten Namen (Quelle: CBinsights.com):

 Flipboard: Der Gigant unter den Anbietern mit 210,5 Millionen US-Dollar Funding, davon 50 Millionen in diesem Jahr von JPMorgan. Momentan ein Dauerthema wenn es um Übernahmen geht, doch das führte nicht zu Euphorie, sondern dazu dass einige namhafte Mitarbeiter aus der oberen Etage das Unternehmen verließen, unter anderen der CTO und der Head of Product.

Pocket: Brachte im März 2015 eine Runde C Finanzierung hinter sich mit 7 Millionen US-Dollar, womit man inzwischen bei 16,2 Millionen wäre. DIE Anwendung wenn es um „Read it later“ Inhalte geht. Wachstum stagniert vergleichsweise, aktuell kein wirkliches Modell um profitabel zu werden.

Paper.li: Eine interaktive Zeitung selbst erstellen aus vorhandenen Inhalten. Ebenfalls extrem viele User, aber auch sehr beliebt für Spam (auf Twitter). Letzte Finanzierungsrunde in 2013.

Circa, Zite, Prismatic, Reverb, FLUD, Summly: All diese Apps und Anwendungen wurden entweder aufgekauft ohne den großen Exit zu schaffen oder sie haben sogar dichtgemacht. Vor allem bei Circa tut mir das weh, da man hier einen sehr neuen Weg ging, bei dem eigene Redakteure die Newsflut überarbeiteten und sie neu zusammenfassten. Eine eigentlich wirklich starke Idee, aber auch hier: sehr kostenintensiv ohne Finanzierungsidee.

Ausnahme Nuzzel: Nuzzel konnte einen kleinen Hype erzeugen, weil sie eben das vereinfacht, was eh schon alle tun. Die Anwendung fasst zusammen welche heißen News-Themen die eigenen Freunde teilen. Dem Untergang geweiht außer sie schaffen einen Exit im Hype. Dazu später mehr in meiner letzten Frage.

Wie kann ich Geld verdienen?

Eigentlich müsste man sich diese Frage so langsam als Tätowierung gönnen und dennoch erlebe ich täglich absolut naive Gründer, die ernsthaft glauben, dass Google, Facebook und Co. ursprünglich gar nicht das Geldverdienen im Kopf hatten. „Dumm oder Naiv?“ ist daraufhin meine Frage.

Die zweite Antwort ist „durch Werbung, machen Facebook und Google auch“…das ist richtig, doch Facebook und Google sind eigene Universen geworden. Orte, die der Nutzer nicht mehr verlassen kann, weil alles um ihn herum in eines dieser zwei Welten stattfindet. Selbst Twitter schafft es bisher nicht mit reiner Werbung ernsthafte Einnahmen zu generieren, die das Unternehmen profitabel machen könnten.

Ein Abo-Modell bzw. ein allgemeines Bezahlmodell kann eine sehr gute Option sein, aber nur wenn man das passende Publikum hat. Der Anteil der Nutzer, die für Hilfreiches Geld bezahlen will ist gar nicht so groß. Der gemeine Nutzer bezahlt für Emotionen und genau deswegen können schwachsinnige Spiele so viele In-App Käufe generieren. Sie unterhalten, fixen an und lenken ab. Es mag absurd klingen, dass Kunden fürs Problemlösen kein Geld ausgeben wollen, aber umso mehr für Unnützes, doch so war es schon immer im Software-Bereich.

Wie verzichtbar oder kopierbar bist du?

Das hier muss nicht unbedingt dazu führen, dass du dein Vorhaben über Bord wirfst, aber es muss deine Strategie beeinflussen. Hast du ein Produkt mit viel Buzz, aber das die Großen leicht kopieren könnten, dann heißt es schnell wachsen und bei gutem Angebot „run Forrest, run!“ spielen. Das ist keine verwerfliche Strategie, sondern eine, die auch zum Geschäftsleben dazugehört. Sie ist nur nicht etwas was zu Nachhaltigkeit führt.

Ein gutes Beispiel ist der erwähnte Hype um Nuzzel. Ich liebe die Idee wie man die Daten nutzt und ich liebe die Idee, dass der Nutzer und sein Freundeskreis im Mittelpunt stehen, doch meine Vorliebe bedeutet erst einmal gar nichts. Was macht Nuzzel? Nuzzel hat mehrere Funktionen, aber eines der grandiosen Ideen ist ein täglicher Newsletter, der einem die Inhalte präsentiert, die die meisten Interaktionen von Freunden erhalten haben.

Dies eröffnet aber noch andere Wege. So können starke Accounts bei Twitter ohne Mühe Newsletter versenden und aufbauen auf indirektem Wege. Das Problem: es ist Reproduzierbar und hängt von einer Drittplattform ab. Hat Twitter keine Lust mehr oder baut es nach, kann Nuzzel sehr schnell in Schwierigkeiten kommen. Genau da sehe ich die große Gefahr. Die großen Netzwerke und Plattformen sind so dominant, dass sie ihre Daten jeder Zeit nutzen können um solche Ideen schnell zu integrieren (eigentlich kopieren).

Wer hier glaubt, er könne verschont bleiben, kann sich ja ansehen wie viele Branchen Google systematisch in den Ruin getrieben hat, weil es seine Traffic-Dominanz ausgenutzt hat um neue profitable Businessmodelle durchzudrücken, die eigentlich schon andere hatten. Oder man schaut sich an wie Facebook seinen Angriff auf Yelp plant: http://techcrunch.com/2015/12/15/facebook-takes-on-angies-list-and-yelp-with-new-site-for-finding-top-rated-local-businesses/ oder wie Facebook mit unglaublicher Brechstange versucht Youtube Anteile abzujagen.

Nein, ich bin kein Schwarzmaler, aber ich habe in meinem Arbeitsleben viele Personen mit tollen Ideen oder einem starken Drive gesehen, die am Ende an genau diesen Fragen gescheitert sind. Das ist seltsam, denn alle drei Fragen können beantwortet werden. In manchen Fällen wollen die Gründe die Antworten nur nicht wahrhaben.

Und abschließend…wer ist nun der größte Newsreader? Flipboard? Würden wohl alle behaupten…ich sage „Facebook“ und es tut auch mir weh das eingestehen zu müssen.

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