Tötet das Jahresbudget!

So, jetzt Mund wieder zu, ich habe das wirklich geschrieben und nehme es auch nicht zurück. Dies ist kein Posting, das die ultimative Wahrheit für sich beansprucht, aber es ist ein Ansatz, eine Idee, die hoffentlich auch zu einer Diskussion führen wird. Die Idee lautet: „wir brauchen neue Wege der Budgetplanung und Budgetumsetzung, denn ein Jahresbudget ist komplett weltfremd geworden!“

Zu langsam und unflexibel

Alles um uns herum hat inzwischen eine Geschwindigkeit angenommen, die uns zuweilen komplett überfordern kann, doch es scheint so als würde dies Unternehmen noch schlimmer erwischen und das berühmte Jahresbudget ist ein Faktor.

Das klassische Jahresbudget eines Konzerns wird extrem früh verplant, vergeben und ist damit starr. Viel schlimmer, oftmals wird sogar bestraft, wenn man es nicht komplett verplant und ausgegeben hat, da sonst gerne bei den Abteilungen gekürzt wird, die Reserven haben. Ein Beispiel: Als ich Deutschlandchef bei einem der großen Glücksspielkonzerne war, hatte ich mir die Freiheit erkämpft meine Budgets nicht frühzeitig festzulegen, weil ich auf Trends reagieren wollte und vor allem auf gute Angebote, weil das Budget kein aggressives war. In mindestens zwei Jahren hatte dies zur Folge, dass mein „aufbewahrtes“ Budget zusammengekürzt wurde als die Quartalszahlen anderer Länder schlecht aussahen. Das Ergebnis war, dass ich tricksen musste mit „geparkten“ Budgets, die eigentlich flexibel blieben (nein, nichts Illegales). Zu den Problemen dieser Kultur später.

Ein Jahresbudget macht träge und unflexibel, weil Dinge schon frühzeitig verplant werden. Dies funktionierte früher mit den alten Medien hervorragend, ist aber inzwischen absolute Steinzeit. Das Internet und der Einfluss von diesem führen dazu, dass sich alles deutlich schneller verändert und Unternehmen vor der Herausforderung stehen zu spät zu reagieren.

Beispiele gefällig? Social Media ist inzwischen eine perfekte Möglichkeit um Kunden unglaublich direkt zu kontaktieren und schnelle Erfolge mit Kampagnen zu erzielen. Bleibt ein Unternehmen bei den alten und bekannten Dingen wie Facebook und Twitter, dann verpasst es einen fast 100%-igen Zuwachs bei Pinterest und Tumblr in den letzten 12 Monaten. Jahresbudgets und die damit oftmals zelebrierte Starre eines Marketingplans würden dazu führen, dass man nicht Teil des Trends wird und als Early Adopter Unternehmen wahrgenommen wird (damit wäre auch das Anglizismen Bullshit-Bingo erledigt dank Early Adopter). Dies ist nur ein Beispiel, aber ähnliches finden wir auch bei anderen Medien und Themen.

Verkrustete Denkstrukturen

Mein Lieblingsthema, die Denke der Verantwortlichen. Es ist leicht schlechte Ergebnisse auf Mitarbeiter abzuschieben, aber Fakt ist, dass mutige Ideen und Vorhaben immer von den Leadern getragen werden müssen, die damit auch das Risiko des Scheiterns tragen. Die erwähnten Kürzungen von noch vorhandenen Budgets sind ein gutes Beispiel. Hier muss ein Vorgesetzter versuchen der Schutzschild zu sein. Im Idealfall teilt die Geschäftsführung das Denken, so dass solch ein Versuch gar nicht erst unternommen wird.

Es ist jedoch nicht nur die Angst vor dem Risiko, sondern viel mehr die Angst vor der geistigen Herausforderung, die uns so oft bremst. Strukturen aufzubrechen und neue dynamische Wege zu gehen erfordert eine ganz andere Denkleistung und Dynamik im Kopf und dazu sind viele nicht bereit auf Grund von Bequemlichkeit.

Ein komplexes Problem

Ich habe in diesem Fall das Problem auf die Budgetierung geschoben, doch um hier Veränderungen zu bewirken, müssen wir einige andere Baustellen endlich hinbekommen. Eines meiner Beobachtungen im Verlauf meiner Konzernkarriere war, dass man immer wieder Probleme hat die Messwerte festzulegen, auf die es ankommt. Selbst wenn man sich einig war vor allem Wachstum sehen zu wollen, war nicht klar ob das mehr Umsatz, mehr Kunden, mehr aktive Kunden oder mehr Profit bedeutete. Selbst wenn begriffen wurde, dass man alle diese Punkte braucht, schienen die Firmen meist nicht in der Lage zu sein Zusammenhänge zu finden bzw. die richtigen Größenverhältnisse, die so wichtig wären.

Totalversagen bei Daten

Dies ist der Punkt, den es hinzubekommen gilt. Zahlen der letzten drei Monate sind erst einmal Zahlen. Die Auswertung und vor allem Deutung ist bis heute in den meisten Unternehmen mangelhaft. Wir lieben alle big data und wissen am Ende doch nicht was wir damit machen sollen. Unternehmen investieren Millionen in das Sammeln von Daten ohne einen Masterplan wenn es um die Auswertung selbiger geht. Den größten Fehler begehen dann Excel-Sheet-Vorgesetzte, die sich EINE Zahl in einer Tabelle aussuchen, die sie gerne verändern würde ohne die Zusammenhänge zu verstehen und die Folgen, die solche Veränderungen mit sich bringen.

Traumvorstellung?

Die habe ich natürlich und dennoch kann sie nicht auf jedes Unternehmen gleich angewandt werden. Es wird Fälle geben, in denen auf Grund von Produktionsvorgängen gewisse Budgetteile sehr starr bleiben müssen, während man im Marketingbereich fast überall ziemlich flexibel sein könnte.

Bei meinen Kunden als auch bei uns intern werden Budgetplanungen ständig angepasst ohne den Druck auf eine bestimmte Zahl zu kommen. Es gibt flexible Teile, starr verplante Teile und natürlich Grenzen, aber am Ende bleibt es das Ziel sehr gute Gelegenheiten und Trend nicht zu verpassen. Der Preis, den wir dafür bezahlen? Sicherlich die größere Anstrengung ständig alle Entwicklungen in den Zahlen vor Augen zu haben. Es braucht Mut bei Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu sagen „unser alter Plan ist NICHT mehr der Beste“ oder „wir sollten nicht Geld ausgeben nur weil es da ist.“.

Also….wagt etwas Neues!

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