Der Verlust der Sachlichkeit

Ich weiß, das ist eigentlich mein Business-Blog und dennoch wird es in diesem Beitrag auf den ersten Blick nicht um Arbeit gehen und auch nicht um Arbeitsthemen, aber etwas so Grundlegendes breitet sich auf alle gesellschaftliche Themen aus und damit auch auf die Arbeitsebene. Worum geht es also?

Der Titel sagt es im Grunde genommen. Wir haben aufgehört Themen mit Vernunft und Sachlichkeit anzugehen. Die heutige Gesellschaft besteht aus Gräben, aus Empörten und Pöbelnden, während die Vernünftigen einfach weggeschrien werden. Diese Entwicklung führt langfristig zu einem Zusammenbruch unserer Basis und auch jeglicher Basis einer gesunden Demokratie. Sie bietet Extremisten jeder Art alle Möglichkeiten zur Hetze und macht einen großen Teil der Bevölkerung empfänglich für Thesen, die unsere gesellschaftliche Grundordnung in Gefahr bringen können.

Grabenkämpfe als einzige Methode

Ich weiß, viele haben es satt sich mich dem Thema Flüchtlinge zu befassen, doch genau das sollten wir tun. Dieses Thema wird nicht weggehen nur weil wir genervt davon sind. Dieses Thema ist außerdem zu wichtig um es einfach wegzuwischen UND bei diesem Thema zeigt sich genau die Problematik, die ich ansprechen möchte.

Das Thema Flüchtlinge ist so emotional aufgeladen, dass es momentan unmöglich scheint sachlich darüber zu reden und zwar von beiden Seiten. Es scheint als gäbe es nur „Applaudieren und Freuen“ oder „Hetzen und Ablehnen“. Ja, richtig gelesen, ich sehe die applaudierende Menge durchaus in der Kritik, auch wenn ich mit jeder Faser anerkenne was hier Menschen auf freiwilliger Basis leisten und geleistet haben. Viele davon sind jedoch keine Applaudierenden vom Bahnhofsempfang.

Was in vielen Bereichen ignoriert wird, jedoch essenziell ist und sein wird: man muss jedem, der zu uns kommt neben einer Umarmung auch klare Grenzen und Regeln mitgeben. Das ist nicht brutal, das ist nicht asozial, das ist überlebenswichtig für ALLE Seiten. Wir müssen klare Positionen beziehen was Religionsfreiheit, Gleichberechtigung und andere Dinge angeht, WIR müssen ein klares Bild unserer Gesellschaft zeichnen damit sich Neuankömmlinge orientieren können und wissen was von ihnen erwartet wird. Genau dieses Forderung und Meinung muss möglich sein…oder viel mehr: sie ist absolute Notwendigkeit. Leider scheint es so als gäbe es eine bestimmte Gruppe, die jede noch so kleine Kritik bzw. Regel für die Flüchtlinge als böse Verschwörung von rechts ansieht.

Nein meine Freunde, das hier ist kein multikultureller Ausflug, wir werfen hier Menschen aus einem sehr unterschiedlichen Kulturkreis in kaltes Wasser, aber zeigen ihnen dabei nicht wie man schwimmen kann. Bevor sich jetzt die ersten nutzlosen AfD-ler die Hände reiben und diesen Beitrag teilen wollen…nein, das ist nicht was ihr sagt oder fordert…

Die AfD und PEGIDA-Nutzlos-Abteilung bildet das noch schlimmere und gefährlichere Extrem, da unsere fehlende Sachlichkeit dazu führt, dass diese bräunliche Suppe hetzen kann und immer mehr Anhänger findet. Erfundene Berichte, gefälschte Kündigungsschreiben um das Volk aufzuhetzen und ähnliche Dinge zeigen, dass diese Seite zu allem bereit ist um zu hetzen. Das Problem? Die Mitte, die das Thema sachlich angehen will, wird weggeschrien und zwar mal von der einen, mal von der anderen Seite.

Wer nun mich beschimpfen will, kann dies tun, aber bevor ihr damit anfängt…ich bin als Flüchtling nach Deutschland gekommen als 10-jähriger…alleine, aufgenommen von einer deutschen Gastfamilie bis meine Mutter und mein Bruder nachkommen konnten. Ich habe Krieg gesehen und weiß wie es ist, komplett fremd zu sein. Ich kam in eine Familie, die zwei klare Regeln hatte. Die erste war, dass ich zu 100% Familienmitglied wurde, ohne Diskussion…und ich rede hier von Menschen, die mich vorher noch nie gesehen hatten. Die andere Regel war jedoch „es gibt Regeln!“. Diese Mischung führte dazu, dass ich Verständnis hatte für Regeln und diese akzeptiert habe.

Eines der großen Probleme hier: Menschen glauben, sie müssten eine Seite wählen und immer dieser Seite Treu bleiben, unbedeutend wie falsch sie bei manchen Themen ist. Es wirkt beinahe so als hätten die meisten Menschen Angst, dass sie im Falle von Kritik von ihrer Herde verlassen werden…dieses Verhalten führt zu den genannten Grabenkämpfen ohne sachlichen Ausweg, ohne Möglichkeit zur Veränderung oder Fortschritt einer Gruppe.

Schlagzeilen-Politik

Dieser und der nächste Absatz müssten eigentlich parallel laufen. Die aktuelle Politik beruht vor allem auf Schlagzeilen und das nicht nur bei diesem Thema. Es geht immer nur um die aktuelle Schlagzeile, um den kurzfristigen Erfolg oder um das eigene „Klientel“. So gut ich Merkels Sichtweise finde bei diesem Thema, so viel besser wäre es einen sachlichen PLAN zu präsentieren. Ich glaube an ihren guten Grundgedanken, den sie auch bestätigt, aber nur ein Plan wird dazu führen, dass man den Hetzern den Wind aus den Segeln nimmt. Bester Beweis: Die AfD will Merkel ernsthaft als Schleuser anzeigen? Man gibt hier also dieser lächerlichen Partei die volle Breitseite für ihren Populismus.

Doch genau so gefährlich wie die AfD sind die Beiträge einiger linker und grüner Politiker, die bei Vorfällen in Lagern wie dem Diskriminieren Andersgläubiger ausschließlich die Enge und die Bedingungen des Aufenthalts als Grund sehen wollen. Auch hier ist es fehlende Sachlichkeit, die zu fatalen Folgen führt, nämlich erneut fehlenden Leitlinien, die so wichtig sind für das Zusammenleben.

Der Rest der Politik betreibt ausschließlich Rettungsversuche um das Komplettversagen des Staates zu verschleiern. SPD Politiker reden plötzlich über Begrenzungen der Aufgenommenen und spielen erneut den Hetzern in die Hände. Auch hier soll lediglich davon abgelenkt werden wie unsere Politik in der Organisation versagt hat. Wir können problemlos eine der besten WMs aller Zeiten organisieren, aber Berlin handhabt die Flüchtlingswelle als sei die Stadt selbst ein Drittweltland? Doch anstatt diese Probleme sachlich anzugehen um sie in Zukunft zu vermeiden…spielen alle das Spiel mit, dass es zu viele Flüchtlinge sind und nicht Unfähigkeit seitens der Politik.

Das Netz der Extremisten

Nein, hier geht es nicht um einen Vortag zu einem Geheimbund. Das Netz der Extremisten ist das gute alte Internet. Nicht falsch verstehen, ich verteufle das Internet nicht, denn ich bin damit aufgewachsen, ich lebe davon und bin mehr oder weniger immer online. Dennoch ist das Internet vor allem das Zuhause von Extremisten. Die Kommentarfunktionen der Tageszeitungen und Magazine und die sozialen Medien sind inzwischen vor allem der Treffpunkt von Seelenfängern, Hetzern und Extremisten.

Wer das nicht glaubt, kann sich einfach jeden Bericht durchlesen, der etwas Positives über Flüchtlinge berichtet. Ihr werdet drei Trolle finden:

Whataboutism Troll: Von Russland gelernt und in Perfektion vorgeführt, der Whataboutism. Egal wie positiv eine Meldung ist, jemand wird schnell auftauchen und schreiben „ja, aber in Ort X haben Flüchtlinge Verbrechen Y begangen“. Komplett ohne Sinn und Verstand oder gar Zusammenhang, mit dem einzigen Ziel das Positive zu verhindern.

Propaganda-Troll: die schlimmste Sorte, denn sie ist nur dafür kreiert worden Hetze zu betreiben. Horrorgeschichten, die man „gehört“ hatte, die einem „ein Bekannter erzählt“ hat oder die man mit absoluter Sicherheit weiß. Extrem oft gezielt von Fake-Profilen erledigt. Nach einem Klick wird man in mindestens 50% der Fälle Profile sehen, die unter 20 Freunde haben und krampfhaft „normal“ wirken sollen.

Pöbel-Troll: Die komplett asoziale Abteilung, die sofort lospöbelt und Sätze ablässt wie „wartet ab bis ihr mal vergewaltigt werden, dann werdet ihr das anders sehen“…also offen gehirnlos und nicht getarnt.

Die andere Seite ist harmloser, doch am Ende eben auch gefährlich…für diese Seite kann es nichts Negatives geben, unbedeutend ob bewiesen oder nicht und die, die man beschützen will, sind immer unschuldig. Dies mögen edlere Gründe als der rechte Hass sein, aber sie sind im Kern eben nicht wirklich sinnvoll. Wer diesen Populismus beider Seiten sehen will, für den hat der Burda-Verlag beide Seiten zur Perfektion gebracht. Focus Online ist inzwischen verantwortlich für Dumpfes für die rechte Ecke mit Schlagzeilen, die die Bild wie ein Blatt der Intellektuellen wirken lässt und für linke Populisten, die sich immer selbst auf die Schulte klopfen wollen, gibt es die Huffingtonpost Deutschland aus dem gleichen Haus.

Damit wird online ein immer tieferer und extremer Graben gebildet und übrig bleiben nur Geschrei und Hysterie. Die vernünftige Mitte wird mit Artikeln und Beiträgen aus extremen Lagern so lange überhäuft bis sie nachgibt und sich entscheidet oder sich komplett zurückzieht. Es ist inzwischen unmöglich eine Diskussion online zu führen, die sachlich bleibt und ohne Pöbeln auskommt (noch einmal: nein, liebe AfD, ihr müsst nicht wieder eure eingeübte Rolle der „Unterdrückten“ auspacken). Populisten und Schreihälse beider Seiten scheinen Gewehr bei Fuß zu stehen um sofort einzuspringen. Warum? Geltungsbedarf ist sicherlich ein Grund. In beiden Fällen haben wir Personen, die nach ordentlichem Onlinepöbeln vor dem Spiegel stehen und sich selbst auf die Schulter klopfen im festen Glauben etwas Wichtiges geleistet zu haben. Endlich jemand sein, nur durch das Hauen auf die Tasten!

Problematisch ist auch die Social Media Bubble, in die sich sehr viele begeben. Man macht sich den passenden „Freundeskreis“, ist bei den passenden Gruppen, abonniert die passenden Pages usw. Am Ende glaubt man, es gäbe nur diese eine Meinung und Richtung als die einzig richtige Sichtweise. Das Ende jeglicher persönlicher Entwicklung…

Shitstorm und Dauerempörung

Vielleicht der Teil, der am meisten mit Business zu tun hat. Inzwischen gibt es im Internet nur noch Sekt oder Selters. Bezeichnend für mich ist das Beispiel der IngDiBa Werbung mit Dirk Nowitzki und dem Metzgereibesuch. Ich wäre auf alles gekommen, aber nicht auf die Idee, dass radikale Veganer/Vegetarier ihr Bestes geben um einen Shitstorm zu produzieren.

Das ist nur ein kleines Beispiel, selbiges gibt es eben auch von der anderen Seite. Wir sind zu einer Gesellschaft der Empörten mutiert. Es gibt keine Reaktion der sachlichen Kritik, sondern nur noch empörten Shitstormer. Es gibt keine Diskussion, sondern nur noch den Pöbel mit den Mistgabeln (virtuelle zum Glück), den virtuellen Mob, der gerne alles abfackeln möchte, was in den Weg kommt. Auch hier ist es vor allem die Gier nach Wichtigtuerei, die das schlimmste in Menschen hervorruft.

Die Medien spielen hier eine sehr wichtige Rolle und die Bild hat das Spiel perfektioniert um immer wieder neue Mobs zu formieren. Zuerst wird bei jeder Gelegenheit gegen Migranten gehetzt mit den üblichen Schlagzeilen um dann später mit aller Radikalität die Humanisten raushängen zu lassen. Da lässt sich auch schon einmal der Meister der plumpen Sprüche dazu verleiten einem St. Pauli vorzuwerfen, sie seien gegen Flüchtlinge.

Wir schwanken nun bewusstlos von einer Welle der Empörung zur anderen, lassen jede sachliche Diskussion links liegen und stürzen uns voller Leidenschaft auf das nächste Haus, das wir virtuell anzünden wollen. Doch was dann? Was kommt nach unserer Welle der Empörung, der Welle des Mitleids, der Welle anderer extremer Emotionen?

Ich sage es euch: NICHTS. Wir sind mit einer Absicht so voll mit starken Emotionen: damit wir so schnell wie möglich auf das Thema einen Haufen machen können. Wie oft sprechen wir noch von der Zivilbevölkerung in der Ukraine, von den weiterhin katastrophalen Bedingungen der Frauen in Afghanistan, von den Opfern des Erdbebens in Nepal? Gar nicht, wir waren ja schließlich bereits empört darüber und haben ganz viele Gebete online gesendet, ganz viele Artikel geteilt, da können wir doch das Thema nun wirklich begraben.

Verzeiht mir

Ich weiß, dieser komplette Beitrag hatte eigentlich wenig mit Arbeit zu tun, doch vor allem der letzte Abschnitt sollte jedem Unternehmer die Augen öffnen eine klare Shitstorm-Strategie zu haben, auch wenn es mir wahrlich nicht darum geht. Wir müssen endlich aufhören nur noch empört zu sein und wieder zurück zu dem kehren was Deutschland groß gemacht hat und das ist unsere wundervoll langweilige Sachlichkeit. Verzeiht mir auch die etwas wilde Schreibweise, aber ab und zu muss man ohne Konzept schreiben.

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